Notizen aus der Unterwelt

Der kritische Blog von Klaus Baum

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“In der Hölle ist der Teufel eine positive Gestalt.”

Oktober 1st, 2007 · 1 Kommentar · Beitrag drucken Beitrag drucken

von Klaus Baum

Rezension des Gedichtbandes >Hömmelli< von Christa M. Meier

Die Poesie, die schönen Metaphern bringen die Seele zum Klingen, und wenn diese eingestimmt ist, fragt sie nicht mehr nach der Bedeutung der Worte. So jedenfalls ging es mir vor vierzig Jahren, als ich einem Hörspiel von Günter Eich im Radio lauschte: Sabeth. Die Stimme des Sprechers war wohltuend, ich ließ mich forttragen von einem >>Flügelschlag in der Dämmerung<<.
Doch das poetische Wort, so lernte ich Jahre später, soll nicht nur Gefühle hervorbringen, eine Stimmung, in der man sich wohlig melancholisch treiben läßt, es dient auch der Erkenntnis, und diese analysiert, unterscheidet, differenziert . Aus diesem Grund ist sie oft genug unbequem, lästig, beschwerlich: Man möchte der Anstrengung des Begriffs, die auch von der Poesie als ein ihr inhärentes Moment gefordert wird, aus dem Wege gehen, vor allem auch deshalb, weil Erkenntnis sich gegen den eigenen Narzißmus richten könnte.
Wo man sich aber seines eigenen Verstandes weder kritisch noch selbstkritisch bedient, wird die Bedeutung der Worte rasch beliebig . Aus >Hüh!< wird >Hott!<, aus >Hott< wird >Hüh<, drei ist zwei und eins ist keins. So ähnlich geht das Dekonstruktivisten- oder Politikereinmaleins.
>Anything goes< – nur die beiden nicht: Wahrheit und Wahrhaftigkeit. Aus Krieg wird Frieden, aus regierungsherrlichem Sozialabbau die Sicherung der Sozialsysteme und aus menschenverachtendem Zynismus eine notwendig liebevoll-harte Fürsorge. Die staatlich initiierte Massenarmut wird euphemistisch mit den Begriffen “Fordern und Fördern” umschrieben. Die Täter verstocken sich, schluchzen anklagend in die Mikrophone, wenn die Opfer ihrer neofaschistischen Politik sie nicht verstehen wollen.
Wo aber die Worte nicht mehr stimmen, wo man Verachtung der Menschenwürde nicht mehr ihre Verachtung heißt, sondern Reform, sind wir schon wir mitten in jener Hölle, die den Menschen krank macht, weil sie ihm Phrasen, also Verlogenheit als Maß des Lebens diktiert. In der Hölle wird die maßlose Profitgier einer mächtigen Minderheit als alternativlos behauptet ; diese Hölle wird zur besten aller möglichen Welten verklärt, in die sich der Rest der Menschheit schicksalsergeben zu fügen hat. Die Hölle ist der Ort, an dem die Sucht nach Geld als Bedingung von Macht den Ton angibt. Selbstsucht als asoziale Gestalt menschlichen Lebens wird zur Norm, Ethik als die Lehre vom richtigen Leben gilt als veraltet, als europäisch verstaubt.
Allgemeiner gesprochen: Ein wesentliches Merkmal einer von Menschen gemachten Hölle besteht darin, dass in ihr verblendete Eindimensionalität totalitär regiert und dass komplexeres Denken in dieser Wüste der Eindimensionalität unerwünscht ist (die Skala der Handlungen, mit denen das Komplexere, Differenziertere bekämpft wird, reicht von Verunglimpfung und Einschüchterung bis hin zur Ermordung oder zur Todesstrafe). Die lebensgefährlich Dummen, die mit wachem Instinkt bis in die Spitzen der Macht hinein Karriere machen, die Kriech- und Schleimtiere, die sich für die Krone der Schöpfung halten, für Herrenmenschen, versuchen immer wieder aufs Neue – dem Victory-Zeichen und dem >Almighty Dollar< verpflichtet – ihre Lebensart durchzusetzen. Mannigfaltigkeit und Vielfalt menschlicher Möglichkeiten und Kultur werden durch unersättliche Raffgier und ihre willigen Helfer ausgetrocknet, ausgehungert oder erstickt.
Die deutsche Philosophie um 1800, insonderheit die Hegels, sah sich in Übereinstimmung mit der Quintessenz der Religion des Alten und Neuen Testamentes , als sie regulativ für den Menschen formulierte, dass seine Bestimmung nur dann sich erfülle, wenn er die in ihm individuell angelegten Fähigkeiten und Kräfte möglichst umfassend entfalte. Der universell Gebildete, und dies ist die Schillersche Variante, sollte der Empathie, des Mitgefühls fähig und in der Lage sein, sich in >fremde Naturen getreulich einzufühlen<, sie zu respektieren und ihren Eigenwert anzuerkennen.
Das schmale Bändchen Hömmelli von C. M. Meier, 2003 im Aleph-Verlag erschienen, steht in dieser Tradition, die in biblische Zeiten zurückreicht. Hömmelli ist ein Oxymoron, komponiert aus Hölle und Himmel, eine Wortschöpfung, die weniger mit der substantiellen Bedeutung, sondern mehr mit gängigen Vorstellungen von diesen Begriffen zu tun hat, wobei >gängig< den Sachverhalt, den ich meine, nicht ganz trifft, denn die meisten Menschen haben heute von Religion fast nur noch bruchstückhafte, rudimentäre, ohngefähre Vorstellungen.
Was ich meine, will ich an einem Beispiel demonstrieren. Auf Seite 38 von Hömmelli finden sich ein Statement über den Begriff des Himmels und der Hölle, genauer gesagt, sind es Urteile, die wie konkave und konvexe Krümmungen einander entgegengesetzt sind und gerade dadurch ineinander greifen.

>>Der Himmel
wird erreicht durch Aufbietung aller Kräfte
zur kompromisslosen Verleugnung
des Lebens.

Die Hölle
entsteht nach ernsthafter Ignoranz
aller Fantasie durch den Trieb.<<

Leistung – am aussichtsreichen auf der Basis gutbürgerlicher Herkunft – bestimmt, ob man ganz oben ankommt. Die Erfolgreichen müssen über Ausdauer verfügen und mit Ehrgeiz ihr Ziel verfolgen. Unablässig werden sie – zum Beispiel in den Fernsehübertragungen der Tour de France – von den Kommentatoren angetrieben, denn nur der Sieger zählt. Läßt man sich in der Winterpause ein wenig gehen und frönt körperlichen Genüssen, hat man schon zuviel Gewicht, wird allenfalls zweiter, hat das Anrecht verspielt, in die ewigen Annalen der Fünf- und Sechs-Mal-Hintereinander-Sieger einzugehen. Der Himmel, das ist die öffentliche Wahrnehmung, das durch die Medien gestiftete ephemere Gedächtnis, das Licht, in dem man gesehen wird. Geht es aus, so ist es, als hätte man nie existiert. Der Himmel, das ist der Ruhm der Koleratursängerin, die unentwegt üben muß, denn nur so kann sie als Königin der Nacht unablässig Triumphe feiern. Die Betonung liegt auf unentwegt und unablässig, denn wer nachläßt, wird augenblicklich nicht mehr beachtet. Der Himmel, das ist die allseitige Bekanntheit für einen Philosophen, der Tag für Tag ein ungeheueres Lesepensum bewältigen mußte (und immer noch muß), um zur staatlichen Repräsentations- und zur öffentlich-rechtlichen Referiermaschine aufzusteigen. Doch leider sind dabei die vielfältigsten Erfahrungsmöglichkeiten für das Ich des Denkers auf der Strecke geblieben. Im Gegensatz zu Rilke, der es wußte, wird Habermas kaum wissen, wie sich das Leben eines Obdachlosen von innen her anfühlt . Und sollte der Philosoph sich damit trösten wollen, dass er doch immerhin in der Lage ist, unsere Gegenwart in Begriffe zu fassen, so wird er vom Geist der Zeit, der besser Geistlosigkeit hieße, nicht mehr gefragt. Letzte Urteile über den Gang der Dinge stehen nur noch den derzeitigen Wirtschaftsrepräsentanten zu, den Herren Rogowski und Hundt, von denen die Politiker sich wie kleine Kinder tadeln oder loben lassen müssen und deren Statements wie Offenbarungen des Herrn von angepaßten Journalisten nachgeplappert werden.
Der Himmel aber, von dem das Neue Testament spricht, hat mit Leistung und der Anstrengung bis zum Äußersten nichts zu tun. Das Neue Testament kennt zwei Begriffe, die von ihrer Bedeutung her nahezu gleich sind: das Reich (basileia) Gottes und das Reich (basileia) des Himmels. Das Gottesreich ist kein statischer Begriff, kein Ort, irgendwo hinter den Wolken, sondern es ist ein dynamischer Begriff, der zu tun hat mit Liebe, Lebendigkeit, Spontanität und dem Schutz der Armen, Hilflosen und Schwachen. Ulrich Wilkens, der Neutestamentler und spätere schleswig-holsteinische Bischof, hat einst in einer Vorlesung über das Reich Gottes in der Verkündigung Jesu am Beispiel der Gleichnisse deutlich gemacht, dass diese Basileia durch das Verhalten der Menschen bereits als gelebte antizipiert werden kann. So im Gleichnis vom verlorenen Sohn, für den der Vater ein Fest bereiten läßt, weil er unverhofft zurückkehrt. Hier wird nicht aufgerechnet, abgerechnet, es finden keine Schuldzuweisungen statt. Der heimgekehrte Sohn, der seinen Lebensunterhalt in der Fremde als Schweinehirt verdienen mußte, war in den Augen jüdischer Reinheitsvorstellungen das gesellschaftlich Letzte. Ohngeachtet all der negativen Prädikate, die man dem >prodigal son< anhängen konnte, wurde er vorbehaltlos wieder aufgenommen. Es gibt heutzutage genügend Eltern, die ihre Kinder als Nichtsnutze, als Versager abqualifizieren, weil sie arbeitslos geworden sind. Und die Politik tritt denen, die nicht mehr profitabel verwertet werden, mit Hartz-Stiefeln hinterher.
Leistung, in der Christologie spricht man von Werkgerechtigkeit, ist für den Eintritt in das Himmelreich nicht erforderlich. Die paulinisch-lutherische Theologie hat an die Stelle des Leistungsdenkens die Vorstellung gesetzt: >sola fide, sola gratia<. Allein durch Glaube, allein durch Gnade. Luther hat das mit einem Beispiel verdeutlicht: Wo die Liebe fehlt, kann man sie auch nicht mit noch so vielen Geschenken vom anderen herbeizwingen; wo man aber liebt und geliebt wird, reicht die kleinste Aufmerksamkeit, um den anderen zu erfreuen. Nicht die Quantität zählt, sondern die Qualität des gelebten Augenblicks.
Eine vom Leistungsgedanken beherrschte Gesellschaft, für die der Himmel nur >durch Aufbietung aller Kräfte< zu erreichen ist, ist selbst schon die Hölle. Konkurrenzdruck, Durchsetzungsvermögen, der Kampf um Anerkennung sind nur drei ihrer Attribute. Die Hölle entsteht durch ein unersättliches Verlangen nach Erlösung, der das Anerkanntwerden durch Zeitgenossen vorausgeht. Es gibt Menschen, denen es in Relation zu anderen gutgeht: Ihr Beruf füllt sie aus, sie wohnen in schöner Umgebung, haben Familie, und doch laufen sie immer herum mit dem Begehren an jeden, der ihnen begegnet, anerkenne doch, dass ich mindestens so gut bin wie jener Berühmte, von dem man unentwegt spricht. Sie sind unfähig, das Leiden oder die berechtigten Bedürfnisse anderer wahrzunehmen und sich für sie einzuset-zen, weil in ihrer Selbstwahrnehmung immer nur ihr eigenes Mangelgefühl im Vordergrund steht.

Die Hölle, schreibt C. M. Meier, entsteht >>nach ernsthafter Ignoranz aller Fantasie durch den Trieb<<. Der ersten Strophe des Gedichts zufolge bedurfte es der Konzentration der Kräfte, damit der Himmel erreicht wird, einer Konzentration, die erkauft ist um den Preis des verdrängten Lebens. In der zweiten Strophe scheint nun das Leben zur Geltung zu kommen, und zwar in Gestalt des Triebes, der im Gegensatz zur Konzentration aus-schweifend zu sein scheint. Wenn er aber alle Phantasie ignoriert, wird er sich selbst zum Zweck, er verabsolutiert sich – und das Leben wird so zur Hölle: Vielleicht nicht für diejenigen, die nur ihren >Trieb< als Maßstab kennen, aber für alle, die aufgrund der Dominanz dieses >Triebes< in ihrem Existenzrecht übergangen werden. Verleugnet die Anstrengung das Leben und ignoriert der Trieb alle Phantasie, sind beide Daseinsweisen gleichermaßen einseitig und ausschließlich, so dass genaugenommen beide die Hölle generieren.
Beim Begriff des Triebes sollte man nicht so sehr an Fressen, Saufen und Ficken denken, an sinnensatte Exzesse, bei denen alles darüber hinaus-gehende, insonderheit das Geistige, vernachlässigt wird , denn der Trieb reicht bis in die kleinsten Verästelungen des Denkens hinein. Nur den Grobschlächtigen mag es so erscheinen, als ob Trieb und Geist Gegensätze sind, die einander ausschließen. Die Grenze ihrer armseligen Gedankenwelt markiert der Satz: >>Dumm fickt gut.<< Wer geistig sich nicht entwickelt, wird nie erfahren, dass Differenziertheit der Sinne und des Bewußtseins sich gegenseitig bedingen, ja, dass durch die Entfaltung des Geistes sich ungeahnte Freuden eröffnen können.
Der Begriff des Triebes ist vielgestaltig. Und in einem lebensfördernden, lebensbejahenden Sinne speist er die Phantasie, ist gar ihre conditio sine qua non. Klaus Heinrich, der Religionsphilosoph aus Berlin, spricht vom Triebgrund der Wirklichkeit, ohne den das Leben gar nicht lebte . Was es aber lähmen kann, ist der Trieb zur Selbsterhaltung, sofern dieser sich mit rücksichtslos-raffinierter Selbstdurchsetzung verbindet. Das ist der Trieb desjenigen, der sogar über Leichen geht, wie Marc Dutrout, oder über Millionen von Leichen, wie Adolf Hitler.
Dieser Trieb der rücksichtslosen Durchsetzung, und zwar auf Teufel komm raus, folgt in der Politik heute den globalen Machtverhältnissen und Drohgebärden des Kapitals, er folgt den Kräften, die Wolfgang Hildesheimer am Totensonntag 1986 in der Klosterkirche zu Osterfelden – eine Aufführung des Requiems von Mozart textlich begleitend – in unüberbietbarer Deutlichkeit und klarer Entschiedenheit so benannte: >>Requiem eternam dona eis domine! Gib ihnen die ewige Ruhe Herr! Wem soll hier die ewige Ruhe gegeben werden? All den Verächtern menschlichen Maßes und menschlicher Würde, den Mördern unserer Erde, den Schreibtischtätern und ihren Handlangern, den Ausbeutern und Plünderern unseres Planeten? Laß dies kein Requiem für sie sein, Herr! Nicht für die skrupelosen Schänder, die Verseucher der Ebenen, Verplaner der Gebirge, Verunreiniger der Gewässer, Verpester der Sphären. Nicht für jene, die uns ewigen Verlierer manipulieren und berauben, nicht für diese Zyniker, die Nutzbarmacher und Rationalisierer, die – unter dem Deckmantel der Erschließung – unsere Welt mit Umsicht und System zunichte machen. Herr, kein Requiem für sie. Ihnen soll das ewige Licht nicht leuchten. Domine ne dona eis pacem! Herr, gib ihnen die ewige Ruhe nicht!<<
Jene Herrenmenschen, die den kurzfristigen Vorteil, sprich ihre Geldgeilheit und Machtbesessenheit , über alles andere setzen und so Mensch und Natur weiterhin ausbeuten und die Welt für unsere Nachkommen immer unbewohnbarer machen, jene Herrenmenschen sind die Verneiner aller Phantasie, die man mit dem Satz charakterisieren könnte, den sich die globalisierungskritische Bewegung attac auf ihre Fahnen geschrieben hat: >>Eine andere Welt ist möglich.<< Es könnte eine Welt sein, in der man nicht mehr darauf aus ist, den anderen zu übervorteilen und auf dessen Kosten Gewinne zu machen; eine Welt, in der man sich selbst im anderen erblickt und ihn als „fellow creature“ (Ross Macdonald) begreift. In jener Welt gäbe es Einfühlungsvermögen, Behutsamkeit, Mitgefühl, Verständnis, Solidarität. Wo wir das Zarte, Verletzliche am anderen und an uns selbst nicht wahrnehmen, verhärten wir, und verkümmert wie wir (dann) sind, suchen wir immer mehr Befriedigung in der Anhäufung von Besitz.

Ich sagte, Hömmelli sei ein schmales Bändchen – es umfaßt mit dem Nachwort von Frank Sporkmann genau 71 Seiten -, doch um die komprimierten Texte von C. M. Meier angemessen zu verstehen, bedarf es längeren Nachdenkens, es bedarf der Entfaltung möglicher Bedeutungen, die in einem starkem Maße von Geschichte bestimmt sind. Ich will damit sagen, dass ich bis zu dieser Stelle hier zirka 7 Seiten darauf verwendet habe, um allein zwei Strophen zu interpretieren. Dieses >Miß<-Verhältnis zwischen der Kürze eines Gedichts und der Länge der Deutung, hängt mit den eingangs angestellten Überlegungen zusammen, dass Worte und Begriffe vieldeutig sind, ja, dass ihre ursprüngliche beziehungsweise substantielle Bedeutung sogar in ihr Gegenteil verkehrt werden kann. Sieht man einmal von den Sophisten der antiken griechischen Philosophie ab, denen man zu ihrer Zeit schon Wortverdreherei vorgeworfen hat, so findet man eine Kritik am Sprachverfall in dem höfischen Epos Tristan und Isold von Gottfried von Straßburg (ca. 1210). Gottfried beklagt – genauer: er analysiert – die Art und Weise, wie Menschen den Begriff der Liebe mißbraucht, entleert, >verwortet< und >vernamet< haben.

Es gibt in Hömmelli ein Motiv, das in Variationen immer wiederkehrt, es ist das Motiv der Scheidung, der Trennung, der notwendigen Entfaltung und Differenzierung. So auf Seite 59:

>>Leere Lehre
wie eins kleben
die Worte im Kopf
aneinander<<

Die Worte müssen geschieden werden, damit für das Ich eine differenzierte Welt entsteht.

>>Schlüpft
in den
Spiegel Es zurück
ins Ei ins Einerlei
vorbei<<

Leben entsteht nicht, wenn das Es gleichsam bei sich selbst bleibt. Wer sich in eine pränatale Ungeschiedenheit flüchten möchte, wer dieses Bedürfnis verspürt, sollte wissen, dass dann sein eigenständiges Leben vorüber wäre. Das Ende der Individuation ist auch das Ende des Lebens. Man findet bei C.M Meier dem entsprechend auch kritische Äußerungen, die auf jenen Satz von Ferdinand Kürnberger abzielen, den Theodor W. Adorno als Motto seiner Minima Moralia voranstellt. >>Das Leben lebt nicht.<< Im Grunde genommen ist Hömmelli eine Art Minima Moralia, nur noch komprimierter.

>>Im
Geist
leben
ist auch schon tot<<

Es gibt ein wunderbares Buch von Klaus Heinrich mit dem Titel: anthropomorphe. Darin zeichnet Heinrich die Desanthropomorphisierung des Gottesbegriffs in der abendländischen Philosophie nach. Mit Xenophanes beginnend, werden die ehemals menschenähnlichen Götter des griechischen Olymp immer abstrakter, immer vergeistigter – bis kein menschlicher Zug an ihnen mehr übrig bleibt, bis auf die Tatsache vielleicht, dass ein völlig entmenschlichter Gott, mit denen die philosophischen Meister der Abstraktion sich dann identifizieren, dass diese Vorstellung, Gott könne nur abstrakt sein, selber eine menschliche Projektion ist.
Wenn C. M. Meier schreibt, nur im Geist zu leben, sei auch schon tot, dann berührt sich das mit der Kritik, die nicht nur etwa Klaus Heinrich oder Ludwig Feuerbach am menschenleeren Gottesbegriff üben, sondern es berührt sich auch mit den folgenden Versen aus Hölderlins Hymne Der Rhein:

>>Es haben aber an eigner
Unsterblichkeit die Götter genug, und bedürfen
Die Himmlischen eines Dings,
So sinds Heroen und Menschen
Und Sterbliche sonst. Denn weil
Die Seligsten nichts fühlen von selbst,
Muß wohl, wenn solches zu sagen
Erlaubt ist, in der Götter Namen
Teilnehmend fühlen ein Anderer,
Den brauchen sie (.)<<

Der Gott bedarf eines Menschen, damit er teilnehmend fühlen kann. Gleichsam den umgekehrten Weg gehen jene vornehmlich männlichen Denker , die ihr eigenes, eben zumeist abstraktes Gottesbild entwerfen, ein >bilderloses< Bild, das ihnen dazu dient, sich Gott gleichzustellen, um dann, wie zum Beispiel Calvin, seine Gegner im Namen Gottes zu vernichten. Ich denke, dieser Typus Mensch ist hinlänglich bekannt, der Schlächter-Typ, der sich auf Gott berufen muß. Er ist noch lange nicht ausgestorben, er treibt derzeit als George W. Bush sein Unwesen:

>>Aufgeblasene Friedensengel
schweben
frohlockend
über
ihren bestialischen Taten<<

Habe ich Bush gesagt? Ich meinte natürlich, dass dieses Gedicht oder dieser Aphorismus von C. M. Meier vielerlei Assoziationen im Leser hervorrufen kann. Statt an Bush könnte man auch an Scharon denken. Zitternd und frierend ob dieser Ungeuerlichkeit schlüpfe ich wieder mein Kokon zurück. Gott schütze und behüte mich. Amen!

Tags: Literatur

1 Antwort so far ↓

  • 1 Was die etablierten Medien nicht drucken … // Dez 10, 2009 at 2:39 pm

    [...] weil ich vor Jahren Ähnliches erlebt habe. Keine der üblichen literarischen Zeitschriften hatte eine Rezension von mir über einen Gedichtband von Christa Meier angenommen – mit Ausnahme der BRÜCKE, die in Saarbrücken erscheint, und von NECATI MERT [...]

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