Notizen aus der Unterwelt

Der kritische Blog von Klaus Baum

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Gibt es Gemeinsamkeiten zwischen Hartz IV, Agenda 2010 und der Menschenvernichtung im 3. Reich?

April 21st, 2008 · 1 Kommentar · Beitrag drucken Beitrag drucken

Als ich zu Beginn des Jahres, in dem die Hartz-IV-Gesetze in Kraft traten, per Mail auf einem der attac-Verteiler eine Bildkarte verschickte, die jene Schienen zeigte, die ins Innere des Lagers von Auschwitz führten, erntete ich heftige Abwehr-Reaktionen, weil ich mit dieser “Karte” auf Parallelen zwischen der Menschenverachtung der Nazis und der Agenda-2010-Macher hinwies.

Tenor der attac-Kritik an meiner Polemik war: Wer Ereignisse von heute mit Greueltaten des 3. Reichs vergleicht, verharmlose den Holocaust. Meine Überlegung aber war jene: Wir hatten in den fünfziger, sechziger Jahren in der Schule immer wieder eingeschärft bekommen: “Wehret den Anfängen.” Und für mich war diese Agenda 2010 in Gestalt von Hartz IV unübersehbar ein solcher Anfang, vor allem in der Formulierung: “Jede Arbeit ist zumutbar.”

Ich empfand diesen Satz spontan als eine Androhung von Zwangsarbeit. Die Ursache für diese Empfindung lag in meiner Biographie. Ich hatte nach Beendigung der Volksschule, so hieß diese Schulform um 1960 noch, eine Starkstrom-Elektrikerlehre absolviert und feststellen müssen, daß ich den körperlichen Anstrengungen des Freileitungsbaues nicht gewachsen war.

Diese Erfahrung hat dann in mir genügend Energie aktiviert, um erst die Mittlere Reife und dann das Abitur nachzuholen. Und nach Jahrzehnten wird plötzlich von einer sozialdemokratischen und grünen Regierung Sachbearbeitern des Arbeitsamtes, die oft nicht mehr im Leben kennengelernt haben als eine Verwaltungslaufbahn, die Macht verliehen, dem Arbeitslosen jede Arbeit zuzumuten, ohne Rücksicht auf dessen Qualifikation, auf dessen Lebensgeschichte. Der Mensch wird all seiner erworbenen Qualitäten beraubt und einem abstrakten Gesetz geopfert, das – unabhängig von seinem menschenverachtenden Inhalt – auch noch von der Sache her unsinnig ist, denn es tut so, als gäbe es tausende und abertausende freie Stellen im Bereich unqualifizierter Arbeit, so daß die einzige Lösung darin besteht, Qualifizierte in unqualifizierte Stellen zu zwingen. Arbeitslosigkeit gab und gibt es aber auf allen Stufen von Arbeit. Es gibt den arbeitslosen Maurer ebenso wie den arbeitslosen Akademiker, so daß es doch sinnvoll wäre, die freie Maurerstelle dem Maurer und nicht dem Akademiker anzubieten. (Die Zumutbarkeitsregelung war damals auch eine der Vernebelungsstrategien, die dem Volk suggerierten, die Ursache der Arbeitslosigkeit läge in der Unwilligkeit der Arbeitslosen und nicht an einem Mangel von Arbeitsplätzen; wenn man also den Deliquenten jede Arbeit zumuten kann, verschwindet die Arbeitslosigkeit wie von selbst. Die Formulierung, daß jede Arbeit zumutbar sei, verlagerte zugleich die Ursache vom Arbeitsplatzabbau im großen Stil auf die Arbeitslosen selbst und machte die Opfer zu Tätern.)

In Kassel lief zu Beginn von Hartz IV ein arroganter Fernsehbericht-Verfasser herum, auf der Suche nach Arbeitslosen, und immer wieder rief er seinen möglichen “Darstellern” entgegen, der Professor, würde er arbeitslos, müßte in Zukunft Würstchen verkaufen. Er war ganz vernarrt in diese Vorstellung und zeigte dann tatsächlich in seinem Bericht auf hr 3 einen Würstchenstand, aber keine Professoren, denn diese waren damals alle noch unkündbar verbeamtet.

Um auf meine Polemik gegen Hartz IV zurückzukommen: Ich hatte der mich körperlich überfordernden Arbeit als Freileitungsbauer 1964 den Rücken gekehrt und meine Energie aufs Lernen und auf geistige Arbeit konzentriert. Jetzt, im Jahre 2005, sollte der Arbeitsvermittler im Amt die Macht haben, mir jede Arbeit zuzumuten, auch jene körperliche Arbeit, der ich als Jugendlicher schon nicht gewachsen war. Diese Art der Entrechtung, die dem Arbeitsamts-Angestellten zugesprochene Befugnis, mich meiner Biographie zu berauben, war für mich, seiner Tendenz nach, Faschismus pur.

Unpolemisch und differenziert argumentiert Orlando Pascheit in seinem Beitrag auf den Nachdenkseiten vom 21. April 2008:

>>Aus gegebenem Anlass habe ich dazu schon einmal geschrieben und möcht dies noch einmal wiederholen:
Wir wähnen uns immer so weit entfernt von jenen Zeiten und propagieren bei jeder Gelegenheit die Unwiederholbarkeit der NS-Schandtaten. Aber Geschichte wiederholt sich nicht in seiner äußeren Form. Aber wie beginnt heutzutage Ausgrenzung? Heute haben wir die Aktion “Fördern und Fordern”, da schwingt dann schon mit, dass derjenige, der sich nicht fordern lässt, auch keine Förderung verdient. Gewiss wird heute nicht vom “Gemeinschaftsfremden” gesprochen, auch nicht von “Volksgemeinschaft”, aber ist der Titel der unsäglichen Broschüre des damaligen Wirtschaftsministers Clement “Vorrang für die Anständigen – Gegen Missbrauch, „Abzocke“ und Selbstbedienung im Sozialstaat” so weit entfernt von solcher Gesinnung?

So werden dann aus Opfern einer verfehlten Wirtschafts- und Gesellschaftspolitik arbeitsscheue Asoziale gemacht. Wobei schon rein rechnerisch bei 3,5 Mio. Arbeitlosen und 1,5 Mio. offenen Stellen (sehr optimistische Zahlen) etliche beim Fördern und Fordern rausfallen. Diese übriggebliebenen 2 Mio. könnten laut Weltökonomen der Bildzeitung durch eine weitere Absenkung der Sozialhilfe und durch die Ausweitung des Niedriglohnsektors in Lohn und Brot kommen. Man muss also nur Druck auf diese Abzocker machen. Die obszöne Agitation der Bildzeitung unter Mitwirkung bekannter Wissenschaftler gegen Hartz-IV-Empfänger als arbeitsscheue Schmarotzer kommt der Selektion des Menschen in seinem Wert oder Unwert für den “Volkskörper” sehr nahe. <<

(Quelle: http://www.nachdenkseiten.de/?p=3167#more-3167)

Der Beitrag findet sich dort unter dem Punkt 14. Siehe dort auch den angegebenen Link zu einem Artikel der Jungen Welt über das Programm “Arbeitssscheu” der Nazis: Der schwarze Winkel.

Tags: Alltägliches · Harz IV

1 Antwort so far ↓

  • 1 aebby // Apr 21, 2008 at 12:04 pm

    Beklemmend stringente Argumentation. Ja – es sind “Anfänge”.

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