Zunächst der Link zum Gespräch zwischen Rafael Seligmann und Elke Durak:
http://www.dradio.de/dlf/sendungen/interview_dlf/866134/
Und so endet der Kommentar von Margarete Limberg:
>>Wie Professor Sinn auf die Idee kommen konnte, den Bogen von unverantwortlich handelnden Managern zu Menschen zu schlagen, die allein wegen ihrer Existenz beschimpft, ausgegrenzt ,verfolgt und dann ermordet wurden, ist nicht nachzuvollziehen und offenbart ein geradezu atemberaubendes Maß an Geschichtsvergessenheit und Insensibilität.
Es ist zu wünschen, dass sich endlich eine Haltung durchsetzt, die sich NS-Vergleiche selbst in der größten Hitze des Gefechts verbietet, eben weil dies meistens die Opfer von damals mehr trifft und verhöhnt als den oder die Gegner von heute, die sich zumindest noch wehren können. Dies ist eine Grenze, die niemand mehr überschreiten sollte.<<
(Quelle: http://www.dradio.de/dlf/sendungen/kommentar/866674/)
Ob es sinnvoll ist, sich NS-Vergleiche gänzlich zu verbieten, möchte ich bezweifeln, denn wenn man das Grauen, wenn man den “Schoß”, aus dem das kroch, nicht begreift, wie soll man denn den Anfängen wehren, um eine Wiederholung zu verhindern?
Adorno hielt im Radio in den sechziger Jahren einen Vortrag mit dem Titel “Erziehung nach Auschwitz”. Die jüdische Internetseite hagalil hat ihn veröffentlicht:
http://schule.judentum.de/nationalsozialismus/adorno.htm
Wenn man dem folgt, was Margarete Limberg empfiehlt, so würde das Agnostizismus gegenüber den Ursprüngen der Barbarei bedeuten.
Hier ein Zitat aus Adornos Aufsatz:
>>Menschen, die blind in Kollektive sich einordnen, machen sich selber schon zu etwas wie Material, löschen sich als selbstbestimmte Wesen aus. Dazu passt die Bereitschaft, andere als amorphe Masse zu behandeln. Ich habe die, welche sich so verhalten, in der “Authoritarian Personality” den manipulativen Charakter genannt, und zwar zu einer Zeit, als das Tagebuch von Höss oder die Aufzeichnungen von Eichmann noch gar nicht bekannt waren. Meine Beschreibungen des manipulativen Charakters datieren auf die letzten Jahre des 2. Weltkrieges zurück. Manchmal vermögen Sozialpsychologie und Soziologie Begriffe zu konstruieren, die erst später ganz sich bewahrheiten. Der manipulative Charakter – jeder kann das aus den Quellen kontrollieren, die über jene Naziführer zur Verfügung stehen – zeichnet sich aus durch Organisationswut, durch Unfähigkeit, überhaupt unmittelbare menschliche Erfahrungen zu machen, durch eine gewisse Art von Emotionslosigkeit, durch überwertigen Realismus. Er will um jeden Preis angebliche, wenn auch wahnhafte Realpolitik betreiben. Er denkt oder wünscht nicht eine Sekunde lang die Welt anders, als sie ist, besessen vom Willen of doing things, Dinge zu tun, gleichgültig gegen den Inhalt solchen Tuns. Er macht aus der Tätigkeit, der Aktivität, der sogenannten efficiency als solcher einen Kultus, der in der Reklame für den aktiven Menschen anklingt. Dieser Typ ist unterdessen – wenn meine Beobachtungen mich nicht trügen und manche soziologische Untersuchungen Verallgemeinerung gestatten – viel weiter verbreitet als man denken könnte. Was damals nur einige Nazimonstren exemplifizierten, wird man heute feststellen können an sehr zahlreichen Menschen, etwa jugendlichen Verbrechern, Bandenführern und ähnlichen, von denen man jeden Tag in der Zeitung liest. Hätte ich diesen Typus des manipulativen Charakters auf eine Formel zu bringen – vielleicht soll man es nicht, aber zur Verständigung mag es doch gut sein -, so würde ich ihn den Typus des verdinglichten Bewusstseins nennen. Erst haben die Menschen, die so geartet sind, sich selber gewissermaßen den Dingen gleichgemacht. Dann machen sie, wenn es ihnen möglich ist, die anderen den Dingen gleich. Der Ausdruck “Fertigmachen”, ebenso populär in der Welt jugendlicher Rowdies wie in der der Nazis, drückt das sehr genau aus. Menschen definiert dieser Ausdruck “Fertigmachen” als im doppelten Sinn zugerichtete Dinge. Die Folter ist nach der Einsicht von Max Horkheimer die in Regie genommene und gewissermaßen beschleunigte Anpassung des Menschen an die Kollektive. Etwas davon liegt im Geist der Zeit, sowenig es auch mit Geist zu tun hat. Ich zitiere bloß das vor dem letzten Krieg gesprochene Wort von Paul Valéry, die Unmenschlichkeit habe eine große Zukunft. Besonders schwer ist es, dagegen anzugehen, weil jene manipulativen Menschen, die zu Erfahrungen eigentlich nicht fähig sind, eben deshalb Züge von Unansprechbarkeit aufweisen, die sie mit gewissen Geisteskranken und psychotischen Charakteren, den Schizoiden verbinden.<<

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