Geht es denn noch dümmer? Zugegeben, Habermas ist ein Philosoph, und man sollte meinen, das ist das Gegenteil von dumm. Was DIE ZEIT mit dieser Überschrift demonstriert, ist ihre Fixierung auf Prominente, von denen die meisten Menschen oft gar nicht wissen, wieso, weshalb, warum sie Prominente sind. Der Mechanismus der Kreation von Prominenz läuft wie folgt ab. Man nimmt einen Halb-Prominenten, schreibt in zehn Meter Größe an eine Haus-Wand, dass dieser Prominente Weltmacht sei, und schon ist er noch prominenter als zuvor; und wenn man dann über diesen Noch-Prominenteren des öfteren berichtet und dessen Bedeutung in das Universum hinausposaunt, wertet man sich selbst auf. Es geht der ZEIT gar nicht um Habermas, sondern nur um sich selbst. Oder: Indem sie Habermas wichtig macht, macht sie sich selbst wichtiger.
Mein erster Gedanke war, als ich gestern sah, dass DIE ZEIT eine halbe Seite allein für den Titel des Artikels benötigte, dachte ich mir, wenn Habermas so mächtig ist, warum ist unser Globus wirtschaftlich, politisch, menschlich in einem derart heruntergekommenen Zustand?
In den Jahren, als ich DIE ZEIT noch abonniert hatte, es war so gegen 1998 herum, titelte dieses Wochenblatt: Ignaz Bubis beklagt sich über die Ausgrenzung der Juden in Deutschland. Da kam mir zum ersten Mal der Verdacht, nur Prominente finden in der ZEIT Gehör für gesellschaftliches Unrecht, also solche, die von diesem Unrecht selbst nicht betroffen sind. (Ähnliches erlebte ich mit Andreas Wang vom NDR, der mir mitteilte, er wolle eine Sendung mit bekannten Professoren über Arbeitslose machen.) Mich erinnert dieses Verfahren an einen Sachverhalt, den Jürgen von Manger einst auf den Punkt brachte. Es ging um Werbung: >>Für Hämorrhoiden und Hühneraugen sind nur noch schöne Menschen zugelassen.<<
Was nun Habermas betrifft, so ist er bekannt für seine doch sehr im Abstrakten und Allgemeinen verhafteten Thesen und Äußerungen. DIE ZEIT druckte in der zweiten Hälfte der neunziger Jahre eine Preisrede von Habermas ab, die sich auf Karl Jaspers bezog. In dieser wiederholte Habermas seine idealistischen Auffassungen vom herrschaftsfreien Dialog, wobei vor allem das zentrale Problem aller Ideale außen vor blieb: Wenn wir Menschen uns an regulativen Ideen orientieren, um mit dieser Orientierung an unserem Verhalten zu arbeiten, dann müssen wir eben dieses reale Verhalten analysieren, müssen die Realität, die der Idee zuwiderläuft, mit großer Genauigkeit auf den Punkt bringen, das Falsche daran detailliert erfassen, um es und uns zu verändern.
Von der tristen, grauen, düsteren Realität, vom Misslingen menschlicher Gemeinschaft en detail erfährt man von Habermas nichts. In seine Thesen gehen noch nicht einmal die Erfahrungen von Machtkämpfen und Interessendurchsetzungen an einem universitären Fachbereich ein.
Vielleicht macht die Abwesenheit der konkreten Realität die “Weltmachtstellung” von Habermas aus, sieht man einmal davon ab, dass Philosophie und Weltmacht überhaupt nicht zusammenpassen, am wenigsten in einer vom Neoliberalismus ruinierten Welt.
Auf der Biennale in Venedig habe ich einen Künstler für mich entdeckt, auf den ich hier hinweisen möchte. Seine an Klaus Staeck erinnernden Plakate bringen Zeitgeschichte auf den Punkt, man könnte sie charakterisieren mit einem leicht umformulierten Satz Hegels: Kunst ist ihre Zeit in Bildern erfasst. Nicht die Kunst überhaupt, aber die von ANUR auf jeden Fall. Im obigen Plakat hat es mich gefreut, DIE ZEIT darin wiederzufinden, DIE ZEIT, die von einer aufklärerischen Zeitung – wie die Mainstream-Medien insgesamt – zu einem Betäubungsjoint mutiert ist.
Die Austellung der Arbeiten von ANUR findet sich in dem großen Supermarkt von COOP Venezia an der Piazzale Roma.
Hier eine kleine Auswahl weiterer Arbeiten:
http://www.advertology.ru/print68776.htm
Ein kurzes Interview, an dessen Ende sich ein weiterer Link findet:

1 Antwort so far ↓
1 geheimraetin // Jun 12, 2009 at 11:30 pm
Lieber Klau Baum
jetzt bin ich aber froh hier wieder einen aktuellen Blogeintrag lesen zu dürfen! Komme meistens über ad sinstram hier vorbei, aber dort funzt wohl der feed nicht mehr richtig! Jedenfalls vielen herzlichen Dank für den ANUR link, seine Werke sind sehr eindrucksvoll. Mit dem Kiffen habe ich allerdings schon vor vielen vielen Jahren aufgehört, even Zeit-Joints cannot seduce me any more…Aber als Bild find ich sie toll!
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