Ich glaube das “also” in der Überschrift kann man getrost als logisch-schlussfolgernd stehen lassen. Das Museum Fridericianum in Kassel ist durch die documenta weltbekannt, aber in neuster Zeit ist man schlecht beraten, dort hin zu gehen, wenn man unter Harndrang leidet und jene Pillen nicht zur Hand hat, für die in den ICE-Zügen der Deutschen Bahn AG Reklame gemacht wird.
Letztes Jahr im November, es wird die Ausstellung von Daniel Knorr gewesen sein, ließ man zunächst für eine ganze Weile niemand auf die Toilette im Haus, weil in den Ausstellungsräumen noch Vorbereitungen hinsichtlich der Vernissage getroffen werden mussten. Mir wurde nahe gelegt, den Friedrichsplatz zu überqueren, um in einem Cafe auf der anderen Seite des Platzes auf die Toilette zu gehen.
Heute waren Feierlichkeiten angesagt, denn die Studenten der Kasseler Kunsthochschule stellten ihre Semesterarbeiten aus. Ich fuhr also in die Stadt, im festen Glauben, ein zweites Mal könne mir der Zugang zur fridericianumseigenen Toilette nicht verwehrt werden. Doch das stellte sich als Irrtum heraus. Ein Student blockierte den Zugang zum Fahrstuhl, eine Studentin bewachte die geschlossene Tür zum Treppenhaus. Der Hinweis gegenüber dem Studenten, daß ich mal dringend müsste, war fruchtlos und wurde abgebügelt mit den Worten, im Keller, wo die Toiletten sind, würde eine Performance vorbereitet. Ich solle doch auf eines der Dixi-Klos gehen, die man vor die schöne klassizistische Fassade des Museums gestellt hatte. Dixi-Klos sind aber für mein durchs Bauhaus geprägte ästhetische Empfinden noch ekelhafter als Gelsenkirchener Barock. Und da ich ziemlich unter Druck stand, duzte ich den um Jahrzehnte jüngeren Studenten auch noch, was ihn dazu veranlasste, sich mir gegenüber zu empören, dass ich ihn duzte. Mein Gott, ich dachte immer, das Internet und die virtuellen Welt seien vor allem eine Domäne der jüngeren Generation, in der man sich gewöhnlicherweise duzt, wie etwa in der fotocommunity oder unter den Bloggern. Kunststudenten arbeiten nicht mehr als Metallbildhauer, Holzbearbeiter und Steinmeißler oder als Keramiker, sie kennen kaum noch den körperlichen Kontakt zu den klassischen Materialien, sondern sie arbeiten sehr viel mit den virtuellen Medien, mit Computern, mit Foto- und Fernsehapparaten, mit Videoinstallationen, von denen man schon in der Eingangshalle des Fridericianums empfangen wird. Aber in Bezug aufs Duzen oder Siezen reagieren sie empfindlich konservativ. Das nächste Mal piss ich wohl besser vorher draußen an die Wand und berufe mich auf Büchners Woyzeck.
PS.: Was mich – on second thought – entsetzt, ist, daß ein möglicherweise examinierter Kunststudent nicht jenes ästhetische Empfinden besitzt, dass ihm verbieten müsste, im Kontext moderner Kunst einem anderen ein Dixi-Klo zuzumuten. Georg Trakas, der 1987 auf der documenta 8 den Königsplatz in Kassel versuchte zu gestalten, verließ seine Arbeit und die documenta eine Woche vor Eröffnung fluchtartig, weil man ihm Imbissbuden neben seine Skulpturen setzte, die ihren Fraß auf Plastiktellern mit Plastikbesteck servierten.

1 Antwort so far ↓
1 Noch einmal Museum Fridericianum Kassel: Wo Menschlichkeit zum Programm wird, ist für Allzumenschliches kein Platz. // Jul 15, 2009 at 6:46 pm
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