Der Geist “gewinnt seine Wahrheit nur, indem er in der absoluten Zerrissenheit sich selbst findet. Diese Macht ist er nicht als das Positive, welches von dem Negativen wegsieht, wie wenn wir von etwas sagen, dies ist nichts oder falsch, und nun, davon weg zu irgend etwas anderem übergehen; sondern er ist diese Macht nur, indem er dem Negativen ins Auge schaut, bei ihm verweilt.” (Hegel)
Roberto J. De Lapuente macht sich heute Gedanken darüber, dass ihm “Leser” seines Blogs vorwerfen, er sähe alles zu negativ. Dieser Vorwurf führt zu einem Grundproblem menschlichen Daseins, nämlich zu der Frage, wie wir dieses Dasein beurteilen? Helmut Kohl hat den Vergleich mit dem Wasserglas “erfunden”: Wenn es halb ist, nicht das Glas, sondern dessen Inhalt, wenn er also halb ist, ist es entweder halb voll oder halb leer. Mit dem Optimismus der HalbvollSicht kann man natürlich jede noch so marode Gegend in eine blühende Landschaft verwandeln. Der Kohl-ismus kann aber sehr schnell auch zynisch werden. Mir fällt da jenes Titelfoto eines Buches ein (oder war es ein Plakat von Staeck?), dass eine mit Schornsteinabgasen verpestete Gegend zeigte. Der Text dazu lautete: “Was wollt ihr denn, ihr lebt ja noch!” Das heißt, so lange man noch lebt, ist “alles bestens”. Das Glas ist ja noch halb voll, wobei zumeist unterschlagen wird, zu fragen, wie lange das halbvolle Glas schon herumsteht. Bier wird nach einiger Zeit schal, Weißwein wird zu warm, Rotwein verduftet sich und so weiter. Ich will damit sagen, daß Problem von Halbvoll und Halbleer ist komplexer als der simple Vergleich uns glauben machen will.
Wer Roberto J. De Lapuente Negativität vorwirft, hat keine Ahnung von Literatur und Philosophie, insonderheit keine von Hegel, der Denken als negierende Kraft des Falschen “definierte”, und auch keine von Adorno, dessen “Minima Moralia” ein Zitat von Ferdinand Kürnberger vorangestellt ist: “Das Leben lebt nicht.” Zu den aphoristischen Denkern gehört Emil Cioran, der Bücher veröffentlicht hat mit Titeln wie “Auf dem Gipfel der Verzweiflung” oder “Die verfehlte Schöpfung”. Unter den Schriftstellern ist Beckett wohl der größte Realist, über den Adorno sagte: “Trost findet man nur bei den Trostlosen”. Denn der Trostlose bestätigt einem die realitätsgerechte Wahrnehmung, was einen stärkt, während andere einen schwächen, indem sie versuchen, einem diese Wahrnehmung auszureden.
Wenn man sich die neoliberalen Mach(thab)er ansieht, heißen sie nun Madoff, Ackermann, Merkel, Hundt, Sarkozi, Berlusconi, um nur einige zu nennen, wenn man täglich lesen muss, mit welchem haarsträubenden Unsinn die Neoliberalen ihr falsches Leben rechtfertigen und den Betrogenen einzureden versuchen, dass ihre Menschlichkeit, ihre Gefühl für Gerechtigkeit Humanitätsduselei seien, dann kann man doch aufgrund der Tatsache, dass die Neoliberalen regieren, dass eine solche Regierung überhaupt möglich ist, nur von einer völlig verfehlten Schöpfung sprechen.

1 Antwort so far ↓
1 Christian Klotz // Dez 12, 2009 at 11:41 am
Versuch, ins selbe Horn zu tuten:
Ritualismus
oder „Weh dem, der Symbole sieht!“: Samuel Becketts „Watt“
Watt ist einer der Diener von Knott. Watt, als der übliche Ritualist, macht sich und alles andere Dienstliche mit, ist dieserhalb weder glücklich noch unglücklich, es passiert halt das vorübergehende Vorkommende, abgesehen von dem, was nicht passiert und was sonst noch hätte passieren können. Es geschieht. Riten sind Handlungen, denen sorgsam jeder erkennbare Zweck wegoperiert wurde. Hier zum Zwecke der methodisch konstruierten Sinnlosigkeits-Stiftung.
Man muss also gewisse Qualifikationen als Leser mitbringen, wenn man es mit diesem Lesestoff aufnehmen will. Es darf einem nichts ausmachen, seitenweise Beschreibungsprosa darüber durchzustehen, dass Watt nach rechts gesehen hat, gefolgt von ebenfalls über Seiten sich hinziehenden Reflexionen darüber, dass er doch ebenso nach links hätte schauen können und dass ihn dabei jemand hätte beobachten können, derjenige es aber auch hätte sein lassen können. Man muss also der Strukturleserei was abgewinnen können, um in den Genuss der Absurdität zu kommen, die unentwegt Konstrukte sorgsam und umsichtig aufbaut, nur um sie auf ihrem Höhepunkt der Komplexität ins Nichts verpuffen zu lassen. Wer den Absurdismus unterhaltsamer haben will, der lese Becketts“ Murphy“. Niederschmetternd auferbaulich. Falsch: auferbaulich niederschmetternd!
By the way:
Das gellende Lachen
des Austrägers jenes wöchentlich angelieferten Pfundes von zeitungsförmigem Werbematerial, der mich bei meiner seit Jahrzehnten geübten Handbewegung erwischte, die sein mühsam Herangeschlepptes aus dem Briefkasten ungesichtet in den Papiercontainer entsorgte,
ist leider reine Literatur.
Ein Mensch, dem ich mit der Mitteilung dieses Memorabiles etwas zu verstehen geben wollte, zeigte sich prompt vom Gegenteil überzeugt:„Wieso? Das kommt doch allen Beteiligten zugute. Ich habe selber geradezu dankbare Leute gesehen, die damit einkaufen gingen.“
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