Notizen aus der Unterwelt

Der kritische Blog von Klaus Baum

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Kunstinterpretation ist nicht das Gleiche wie die Kunst der Interpretation

August 31st, 2009 · 1 Kommentar · Beitrag drucken Beitrag drucken

Zur DOXUMENTA IX schrieb ich als Motto für den “Führungsdienst”: “Die geschichtsphilosophische Deutung der Kunst machen wir mit links, das genaue Hinsehen üben wir noch.” Das Hinsehen möchte ich dem Dirk-Schwarze-Net empfehlen, denn dort heißt es zu einer Arbeit von Meschac Gaba:

>>Die Gehirne von Jesus, Marx und Broodthaers

Die Kunsthalle Fridericianum präsentiert das „Museum of Contemporary Art & More“ von Meschac Gaba

Es riecht nach Provokation: In der Rotunde der Kasseler Kunsthalle Fridericianum stehen zwölf Aquarien, in denen die Gehirne jener Menschen schwimmen, die für Meschac Gaba (Jahrgang 1961) zu den großen Geistern der Menschheit gehören – Jesus Christus und Karl Marx, Mahatma Gandhi und Louis Pasteur, Harald Szeemann und Marcel Broodthaers. Der seit 1996 vornehmlich in den Niederlanden lebende afrikanische Künstler spielt mit dieser neuen Arbeit unter dem Titel „Lake of Wisdom“ (See der Weisheit) auf die Absurditäten des Kunstmarktes (die eingelegten Tiere eines Damien Hirst) ebenso an wie auf die Erinnerungsarbeit der Ruhmeshallen und Museen.<<

(Quelle: http://dirkschwarze.net/2009/08/29/die-gehirne-von-jesus-marx-und-broodthaers)

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Zur größeren Ansicht auf die Fotos klicken.

Ich war jetzt zwei Mal in dieser Ausstellung: Einmal zur Eröffnung letzte Woche Freitag, das zweite Mal gestern am Sonntag, um meine ersten Eindrücke mit Hilfe einer Führung durch Rein Wolfs, den Kurator, zu vertiefen. Ich kann an Eidesstatt versichern, es roch im ganzen Museum nicht nach Provokation, sondern nach frischer Farbe.

Auch konnte ich keine Aquarien sehen, sondern lediglich Vitrinen; auch keine schwimmenden Gehirne, sondern nur deren Nachbildungen** – auf kleinen Sockeln “aufgebahrt”  beziehungsweise auf Sockeln präsentiert: eine Gehirnskulptur pro Vitrine. Mit den in “Formaldehyd” eingelegten Rinder- und Kälberhälften von Damien Hirst*, für die er u.a. einst den Turner-Preis erhielt, hat das absolut nichts zu tun. Aber begriffliche Genauigkeit und analytische Schärfe war noch nie die Stärke der Boulevardkunstzeitschrift >art< und auch nicht die von Dirk Schwarze.

Wenn dereinst eine Aufarbeitung dessen stattfindet, was Albrecht Müller als Meinungsmache bezeichnet, so ist die Rolle der “Kunstkritik” mit einzubeziehen, denn diese zeichnet sich vor allem durch ihren autoritären Behauptungsgestus etablierter Journalisten aus. Kunst war in der Regel ihrer Zeit immer voraus, und so hat die “Kunstkritik” die neoliberale Meinungsmache schon um Jahrzehnte vorweggenommen. Das heißt, was beispielsweise Albrecht Müller oder der ZG-Blog im Bereich der politischen Propaganda analysieren, geschah schon lange vorher im Kunstbetrieb***.

*>>In 1993, Hirst’s first major international presentation was in the Venice Biennale with the work, Mother and Child Divided, a cow and a calf cut into sections and exhibited in a series of separate vitrines.<< (http://en.wikipedia.org/wiki/Damien_Hirst)

**Über das Material vermag ich nichts zu sagen (das wäre noch zu erkunden), aber auf jeden Fall soll die Oberfläche Gold signalisieren. Das Material ist vermutlich auch viel zu schwer. Zum Schwimmen gänzlich ungeeignet.

***Ich habe die Sprache der “Kunstkritik ” u. a. hier einer Analyse unterzogen:

http://www.klaus-baum.info/vincent-van-gogh/kunstbetrieb/

Tags: Alltägliches

1 Antwort so far ↓

  • 1 antiferengi // Aug 31, 2009 at 10:05 pm

    Wahrscheinlich ein absolut inkompetenter Kommentar jetzt von mir. Sei’s drum.

    Künstler die auf die Kunst von Künstlern anspielen.

    Ein Kontinent der mehr Literaturkritiker aufweisen kann als echte Schriftsteller.

    Da hab ich doch gleich mal aus purer Bösartigkeit mich einem allgemeinem Bestreben angeschlossen, und mal wieder den guten alten Adorno aus der Staubkiste geholt:

    >>Solange Kunst darauf verzichtet, als Erkenntnis zu gelten, und sich dadurch von der Praxis abschließt, wird sie von der gesellschaftlichen Praxis toleriert wie die Lust.<<

    Ich bin immer noch kein allzu großer Freund von Adorno, aber manchmal isser echt zu Potte gekommen.

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