Notizen aus der Unterwelt

Der kritische Blog von Klaus Baum

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Das Schweigen von Angela Merkel oder: Wie ein holländischer Journalist die Kanzlerin sprachlos machte.

Oktober 27th, 2009 · Beitrag kommentieren · Beitrag drucken Beitrag drucken

Vor langer Zeit schrieb ich einen kleinen Aufsatz über den Zusammenhang von totalitärer Macht und dem Schweigen. Ausgangspunkt dieses Essays war eine Szene in Fred Zinnemanns Film “Julia”. Zinnemann hatte als Österreicher und als Emigrant in den USA – er floh vor den Nazis – Erfahrungen mit dem Totalitarismus machen müssen. Sein bekanntester Film “Zwölf Uhr Mittags” (High Noon) handelt von der Zivilcourage eines Einzelnen und der feigen Anpassung Vieler. Sein Film “Julia” erzählt die Geschichte einer Frauenfreundschaft, einer Freundschaft zwischen der amerikanischen Schriftstellerin Lillian Hellman (Ehefrau von Dashiel Hammett) und der aus einem Adelshaus stammenden, sozial engagierten Julia. Julia studiert in Europa, in Wien bei Freud. Als die Nazis die Macht ergreifen, wird Julia so stark verletzt, dass sie nach ihrer “Genesung” an Krücken gehen muss.

Zu dieser Zeit hält Lillian Hellman sich in Paris auf. Sie ist gleichsam auf der Durchreise zu einem Theaterfestival in Moskau. In Paris wird sie von einem Mann angesprochen, der sie bittet, nach Moskau über Berlin zu reisen, dort Julia zu treffen, um ihr eine größere Summe Geldes zu überreichen, mit der man politische und jüdische Gefangene der Nazis freikaufen will. Lillian Hellman benötigt für diese Route über Berlin ein Transitvisum, und so begibt sie sich in die deutsche Botschaft, um ein solches Visum zu erhalten. Die Botschaftsangestellte teilt Hellman mit, dass sie trotz Visum nur ein paar Stunden sich in Berlin aufhalten dürfe. “You can only stay a few hours.” Hellman fragt darauf hin: “Why is that?”

Was folgt, ist betretenes Schweigen. Selten ist ein Schweigen so hörbar gemacht geworden, ein Schweigen, das durch das Knallen des Stempels auf das Visumpapier beendet wird.

Was ich damals aus dieser Szene entwickelt habe, ist kurz gesagt folgendes: Aufklärung ist wesentlich charakterisiert durch Sprache, durch klärende, erklärende, Zusammenhänge begreifende Worte. Totalitarismus ist das Gegenteil von Aufklärung, er diktiert, macht Setzungen, die er nicht erklären kann. Denn diktatorische Macht ist irrational, sie ist auf Ausblendung und Verdrängung angewiesen. (Für die heutigen Verhältnisse muss man allerdings hinzufügen, dass es Think Tanks gibt, die sprachliche Beschönigungsstrategien entwickeln. Frau Merkel hatte in dieser Pressekonferenz keine Zeit mehr, von ihren Lügenbaronen eine geschönte Antwort anzufordern.)

In einer Gesellschaft,  die so heruntergewirtschaftet worden ist, dass man Menschen kündigt wegen einer Frikadelle, wegen Maultaschen, Cent-Pfandbeträgen, Brotaufstrichen, und zwar jedes Mal mit der Begründung des absoluten Vertrauensverlustes, ist es besonders delikat, dass jemand als Wirtschaftsminister designiert wird, der in zweifelhafte Geldgeschäfte verstrickt ist, und dann auch noch das Vertrauen ausgesprochen bekommt, und zwar von einer Person, die eigentlich in ihrer führenden Rolle als Kanzlerin moralisch integer sein sollte.

Da sie das aber nicht ist, kann sie auch nicht sagen, dass sie es nicht ist, sondern muss sich in Schweigen hüllen und in die Sprachlosigkeit flüchten. Diese Regierung kann sich vor dem Richterstuhl von Vernunft und Aufklärung nicht rechtfertigen.

Feynsinn hat heute unter dem Stichwort Korruption die Verhältnisse in Deutschland auf den Punkt gebracht.

http://feynsinn.org/?p=1853

Hier geht’s zum Schweigen der Kanzlerin:

http://www.youtube.com/watch?v=XaWE8K2nRVs&feature=player_embedded

PS.: Bemerkenswert ist im übrigen, dass die Macht sprachlich oft machtlos ist; als totalitäre Macht verfügt sie nahezu über alles, aber nicht über die Sprache. Da sie aber in Gestalt ihrer Propagandainstrumente dennoch durch Sprache über die Entscheidungen und Handlungen von Menschen verfügt, kann man sagen, Frau Merkel ist in einem Augenblick angetroffen worden, der offenbarte, dass sie ohne ihren neoliberalen Propaganda-Apparat hilflos ist. Der Neusprech war noch nicht up to date.

PS. 2: Wer sich der Wahrhaftigkeit verpflichtet fühlt, kennt die Notwendigkeit, ab und an von sich selbst zurückzutreten, sich selbst kritisch zu befragen; Woody Allen hat in seinem Film “Der Stadtneurotiker” (Annie Hall) solche Distanzierungen, das aus der Szene Heraustreten, demonstriert. Wer lügt, wer in Lügen verstrickt ist, und nicht möchte, dass das Lügengespinst als Lügengespinst sichtbar wird, der kann entweder nur weiter lügen oder schweigen.

Tags: Alltägliches

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