Die Überschrift mag etwas wirr anmuten, aber von solch irrer Logik ist die Behauptung, der Sozialstaat sei Schuld am Entstehen einer Unterschicht.
“Das ist das große Geschenk der Meinungsfreiheit, dass diese nicht durch Fakten behindert werden darf.” (Volker Pispers)
Gestern berichtete ich über einen Artikel in der Welt (eine deutsche “Zeitung”) von Dorothea Siems, in dem unter anderem die These verbreitet wurde, der Sozialstaat sei schuld am Entstehen einer Unterschicht. Später am Abend fiel mir dann noch ein, dass das Aufstellen von Behauptungen wider die Tatsachen zumindest in einem Fall in Deutschland strafbar ist, nämlich dann, wenn jemand behauptet, Auschwitz oder die KZs insgesamt hätte es nie gegeben. Die Leugnung der Existenz von KZs nennt man, wenn ich das richtig verstanden habe, die Auschwitzlüge – obwohl es doch besser die Auschwitz-gab-es-nicht-Lüge heißen müsste. (Dass es Auschwitz gegeben habe, soll die Lüge sein, und wer die Existenz von Auschwitz eine Lüge nennt, ist ein Holocaust-Leugner. Es ist nicht leicht, bei der ständigen Verdrehung der Begriffe den Durchblick zu behalten.)
Die Moderne, die wesentlich geprägt ist von der Aufklärung, zeichnet sich dadurch aus, dass Einbildung vom Wissen um die wirklichen Zusammenhänge abgelöst werden soll. Ein Film, der in dieser Tradition gesehen werden muss, ist “In the Heat of the Night“. Der Film konfrontiert rassistische Vorurteile (der Mörder kann nur ein Schwarzer sein) mit naturwissenschaftlich begründeten Untersuchungs- und Ermittlungsmethoden. Das Herausarbeiten wirklicher Kausalzusammenhänge steht gegen das Jumping-to-conclusions des Rassisten. (Eine frühe Form der “naturwissenschaftlichen” Methode ist die Identifizierung des Verbrechers anhand seines Fingerabdrucks; Symbol für das genaue Hinsehen und Entdecken von Spuren ist das für heutige Verhältnisse eher primitive Instrument der Lupe, die Sherlock Holmes benutzte.)
Zwischen dem, was wir behaupten, meinen, uns einbilden und aufgrund dessen wir oft genug auch handeln, soll ein realer, wirklicher, tatsächlicher Zusammenhang bestehen. Die Behauptung soll durch die Wahrnehmung des Realen gedeckt sein. Vorurteile sollen nicht länger gelten, Vorurteilsfreiheit postulierte Lessing.
Auf dem Hintergrund dieser hier nur skizzierten historischen Anstrengungen wider die Macht der Einbildung, die auch immer eine Arbeit gegen das Unrecht war, gegen grobe, selbstgerechte Fehlurteile, muss das, was Frau Dorothea Siems in der “WELT” referiert, als finsterstes Mittelalter erscheinen, in dem man behaupten konnte, der Jude, der um die Ecke wohnt, fresse kleine Kinder. Auf dem Hintergrund der Werte von Aufklärung, begründeter, haltbarer, wirklichkeitsgerechter Urteile und von Humanismus, kann man das Geschreibsel der Frau Siems nur als widerwärtig und ekelhaft bezeichnen – und ich muss zugeben, dass ich es bedauerlich finde, dass hierzulande nur die Leugnung von Auschwitz unter Strafe steht. Der Rückfall in Demagogie, die deshalb Demagogie heißt, weil sie durch die Realität nicht gedeckt ist, müsste mit Gefängnis nicht unter fünf Jahren bestraft werden können.
Dass die Arbeitnehmer sich nicht selbst entlassen, dass sie zu Tausenden entlassen werden, ist doch aktenkundig und nachweisbar. Dass Betriebe ihre Standorte ins Ausland verlagern, ist doch Faktum. Dass Arbeitsplätze abgebaut werden, und zwar nahezu täglich, kann doch ernsthaft nicht geleugnet werden. Deshalb meine ich mit Recht behaupten zu können, dass die Schuldverlagerung auf die Arbeitslosen selbst, so als hätten sie ihre Arbeitslosigkeit selber gewählt, demagogisch und deshalb ein Verbrechen ist.
PS.: Es gibt noch einen weiteren Artikel von Frau Siems mit dem Titel:
Diese Gruppen gehören zur Unterschicht
Gekrönt wird der Artikel mit einem Foto, das vermutlich zwei Obdachlose zeigt. Ich möchte dem ein weiteres Bild hinzufügen, dass ebenfalls einen Unterschichtler zeigt, der Zeit seines Lebens von der Unterstützung durch seinen Bruder lebte und von dieser Alimentation Tabak und Absinth kaufte:
Der Text zum Bild findet sich hier:
http://www.klaus-baum.info/vincent-van-gogh/vincent-van-gogh/
Den Artikeln von Frau Siems über die Unterschicht ist eine Befragung der Leser beigefügt, die zu 81% meinen, dass der Sozialstaat die Unterschicht erst hervorbringt. Einerseits prüft mit solchen Umfragen die Welt, ob ihre Propaganda auch wirkt, das heißt, die Lügen, die Frau Frau Siems verbreitet, kommen bei 81% der Leser als Wahrheit an. Unfreiwilligerweise ist diese Befragung aber auch eine Art PISA-Test, der zeigt, dass 81% der Leser der Welt unfähig sind, anhand der faktischen Realität sich eigenständig ein Urteil zu bilden, dass sie voller Vorurteile sind und diese durch widerwärtiges Geschreibsel bestätigen lassen. Deutschland ist geistig gesehen Finsterland.
Zum Thema “gesiemste” Propaganda-Klischees siehe auch:
http://www.spiegelfechter.com/wordpress/1105/willkommen-zur-geistig-moralischen-wende
http://www.duckhome.de/tb/archives/7414-Schuld,-schuldig-abgestempelt.html

1 Antwort so far ↓
1 Durch Blick // Jan 8, 2010 at 9:46 pm
Ich überlege seit einiger Zeit ob es nicht angebracht wäre diverse Leute wegen Volksverhetzung anzuzeigen. Um da Wirkung zu erreichen müßten dies aber viele machen. Dieses Aufheizen des Stimmungsklimas ist fast nicht mehr erträglich.
Für mich bekommt die Parole, wehret den Anfängen, langsam deutlich an Gewicht.
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