>>Deine Angriffe auf Sloterdijk habe ich mit Aufmerksamkeit und gern gelesen. Weil du in dieser Hinsicht nicht ganz klar bist, möchte ich darauf hinweisen, dass es nicht angeht, anderen Menschen Vorhaltungen zu machen, ob sie sich mühen oder nicht mühen. Es gibt ein Menschenrecht auf Durchschnittlichkeit oder Unterdurchschnittlichkeit, auf Dummheit und Klugheit, auf Faulheit und Fleiß wie es ein Recht auf Abstinenz oder Rausch gibt. Welche Richtung jemand einschlägt, ist Sache komplexer Formationen, u.a. Sache unserer gesellschaftlichen Voraussetzungen (auf die du verweist) und der persönlichen Freiheit. Das Gleicheitspostulat des Grundgesetzes unterstreicht formale Gleichheit, fordert Gleichheit der Lebenschancen, begeht aber nicht die Torheit, von einer realen sozialen Gleicheit zu reden oder diese gar zu fordern, sondern erlaubt Unterschiedlichkeit und Pluralität der Lebensentwürfe, setzt Ungleichheit voraus, verlangt aber ein Mindestmaß an sozialer Existenzsicherung für jeden Menschen (Sozialstaatspostulat nach Art. 20, Abs. 2 und Menschenwürde lt. Art 1 GG). Ohne mich in Sloterdijks Schriften versenkt zu haben, habe ich den Eindruck, dass er einen rousseauistischen Gleichheitsbegriff vor sich herschiebt und sich insofern an einem Popanz abarbeitet, der kein Signum unserer gesellschaftlichen Ordnung ist, sondern nur gut ist für polemische, schiefe, verlogene Operationen.
„Jeder hat das Recht auf die freie Entfaltung seiner Persönlichkeit, soweit er nicht die Rechte anderer verletzt und nicht gegen die verfassungsmäßige Ordnung oder das Sittengesetz verstößt.“ Artikel 2 (1) GG. Kennt Sloterdijk diesen Artikel? Kennt er die Artikel 1 bis 19 GG? Zweifel daran sind berechtigt.
Sloterdijk und Co. wollen offenbar ein neues Grundgesetz, in dem steht, dass Lebenschancen und Lebensrechte entlang einer zu entwickelnden Linie geistig-moralischer-ökonomischer Bemühungen und Leistungen zu vergeben sind. Es darf nicht Bemühung bleiben, es muss sich in Form von Einkommen realisieren. Das ist das Konzept einer Überwindung des Sozialstaates und der Demokratie. Und die Tatsache, dass solche Elemente reaktionären Denkens inzwischen in jeder zweiten Talkshow wiederkehren und von immer größer werdenden Teilgruppen des Publikums mit Beifall bedacht werden, zeigt, wie gefährdet die soziale, politische und rechtliche Verfasstheit unseres Gemeinwesens ist. Wir werden Zeugen einer Transformation unserer Demokratie. Wir beobachten den Übergang in eine Wirtschaftsdiktatur. Westerwelles fünfzehn Prozent zeigen, dass eine Gruppe besserverdienender oder ökonomisch aufstrebender Leute die vom Grundgesetz her befohlenene (!) Solidarität zwischen alt/jung, arm/reich, krank/gesund, minderbegabt/hochbegabt u.a.m. nicht länger akzeptieren wollen. Sehr gefährlich das ganze und Sloterdijk möchte offenbar der philosophische Ansager dieser ganzen Richtung werden.
(Er schnauft jedenfalls schon recht angestrengt vor sich hin. Mag sein, dass er wegen seiner insgesamt apoplektischen Natur unser Mitleid verdient. Der ganze Mann wirkt nicht glücklich und sieht furchtbar aus. Ist man nicht irgendwann für sein Aussehen verantwortlich?)<<
(Ernst Otte, Hamburg)
Tim schreibt zu meinem Artikel von gestern (siehe dort unter Kommentare):
>>Es lohnt sich auch mal festzuhalten, dass Sloterdijk’s Ausführungen ganz offensichtlich in einer rein ökonomisch verwertbaren Dimension zu begreifen sind.
In deinem Text klingt das anfangs kurz an, aber du hättest es ruhig nochmal in aller Deutlichkeit auf den Punkt bringen können.<<
Ich hoffe, dass das, was Tim meint, durch die Lesermail von E.W.O. deutlicher geworden ist. Ich möchte dem aber noch etwas hinzufügen: In einem Gespräch mit dem Sohn eines Freundes, der Sohn hatte gerade Abitur gemacht, erfuhr ich, dass in Oldenburg an der Schule ein Buch im Unterricht verwendet wird, dass den jungen Leuten vermitteln soll, wie sie in Kategorien der Wirtschafts- und Finanzwelt denken müssen, um in der heutigen Welt bestehen zu können. Dem zufolge steuert das ganze Streben der Tonangebenden auf die Totalitarität ihres neoliberalen Wirtschaftsverständnisses zu beziehungsweise hin. Für mich ist Wirtschaft aber nicht gleichzusetzen mit Neoliberalismus, Wirtschaft ist mehr als dieser, ist nicht bloß entfesseltes Profitstreben, denn wo das Prinzip des “Rat Race” dominiert, wird das Gesamt des Wirtschaftshandelns in sich massiv widersprüchlich. Die Ratten versuchen sich – in unheilvoller Konkurrenz – gegenseitig fertigzumachen. Auf folgender Seite finde ich eine Bemerkung, die das Prinzip des Rat Race auf den Punkt bringt: “Selbst wenn du als Ratte gewinnst, du bleibst immer noch eine Ratte.” (“The trouble with the rat race is that even if you win, you’re still a rat.” — Lily Tomlin)
Was der Neoliberalismus tut, ist die Verengung des Wirtschaftshandelns auf bestimmte Mechanismen und Prinzipien, die er verabsolutiert. Wenn ich die Kritik beziehungsweise Ergänzung von E.W.O. an meinem Artikel über Sloterdijk richtig verstehe, dann läuft das Modell etwa der FDP darauf hinaus, dass die Erfolgreichen im Tuka-Tuka-Pippi-Wirtschaftsland ihr Konzept allen anderen aufzwingen wollen, und zwar als die allein seligmachende Lebensweise aller Menschen. Ein Beispiel: Herr Mohn von Bertelsmann war äußerst erfolgreich in der Anhäufung von Geld und damit von Macht, also sollen es ihm alle Menschen dieser Welt gleichtun. Für mich ein Irrsinn in sich selbst, weil einer damit eine Konkurrenz heraufbeschwört, die man als Firmenbesitzer gar nicht haben möchte. Alle Subjekte dieser Welt sollen von ihrer allgemeinen Bestimmung als Mensch sich reduzieren auf Wirtschaftssubjekte, die mit- und gegeneinander konkurrieren, also ein Rat Race austragen – und wer dabei auf der Strecke bleibt, hat sich – Sloterdijk zufolge – dann nicht genug bemüht. Das Prinzip des “Survival of the fittest” wird zum allein gültigen Prinzips menschlichen Handelns, die Welt wird zu einer einzigen Mooohn-Sekte.
Nun weiß man aber, wenn man sich zum Beispiel mit den großen Dramen der Weltliteratur beschäftigt hat (oder vielleicht mit Geschichte selber), alle totalitären Systeme sind untergegangen, weil sie von der Unterdrückung leben, von der Unterdrückung von Trieb- und Lebensenergien, die sie nicht zulassen können. Mir dämmert in diesem Zusammenhang das Begriffspaar Exklusion und Integration. Das Totalitäre lebte seit je von der Auschließung. Und wenn ich das, was Menke von Sloterdijk zitiert, richtig verstanden habe, dann findet sich bei bei diesem reichlich Gedankengut, dass die Exklusion will: “Junge, wir haben dir die Teilnahme am Rattenrennen möglich gemacht, wenn du das Ziel nicht erreichst, ist das dein Problem.”
Wenn bei Sloterdijk aber gleichzeitig davon die Rede ist, sich auf den Weg der Vervollkommnung zu machen, kann damit doch nicht die Reduzierung des Menschen auf neoliberale Wirtschaftskategorien gemeint sein. Denn Vervollkommnung, also die Entwicklung des Menschen auf eine Ganzheit hin, wie sie etwa Schiller vorschwebte, bringt es mit sich, dass man mit zunehmender Reife immer besser in der Lage ist, sich integrierend zu verhalten. Man solle sich hüten, letztere Bemerkung für realitätsfernen Idealismus zu halten, sie ist durch Erfahrung gedeckt, die ich allerdings hier nicht ausbreiten möchte, da ich sonst zu persönlich werden müsste.
Die regulative Idee einer Vervollkommnung des Menschen einerseits und die Vorstellung einer gerechtfertigten Exklusion der andern ist ein Widerspruch in sich und zeigt, dass Sloterdijk nicht weiß, wovon er redet. Es ist ein Widerspruch noch bevor man sich auf das Feld des Wirtschaftshandelns begibt.
Wenn der Schlaf der Vernunft Ungeheuer gebiert, wie ist dann Sloterdijk zu beurteilen?

1 Antwort so far ↓
1 Tim // Nov 9, 2009 at 3:56 am
Ja, jetzt wird es in der Tat noch etwas deutlicher, nicht nur durch die Lesermail, auch durch deinen Nachtrag. Ich will es selbst auch nochmal versuchen auf wenige Sätze zu destillieren, hätte ich gestern schon tun sollen:
Manche Passagen in Sloterdijks Ausgangstext in der FAZ (und deren philosophische Herleitung) klingen, als ginge es ihm um eine ganzheitliche persönliche Entwicklung des Einzelnen, einen geistig/sozio-kulturellen Fortschritt oder schlicht gesagt: Die Selbstverwirklichung des Menschen. Genau das ist aber nicht der Fall. Ganz im Gegenteil: Es geht ihm lediglich um ganz profanen wirtschaftl. Gewinn. Ob als Unternehmer oder Lohnabhängiger lässt er (vorerst?) noch dahingestellt. Und dabei denkt er noch nicht mal an die sog. “Wohlfahrtsgewinne” – also verbesserte ökonomische Verhältnisse für die Allgemeinheit (wohl eher eine Aufgabe der Makropolitik) – heute nennen wir das: “Gemeinwohl”. Nein, ihm geht es dabei – wie du richtig sagst – um das “Rat-Race”. “Survival of the Fittest” ist dafür die exakt richtige Konnotation. Es ist das typisch neoliberale “Rat-Race to the bottom”, dass wir aus dem internationalen Wettbewerb kennen. Erstaunlicherweise gewinnt damit eine Ideologie die Meinungsführerschaft, die entgegen (fast) aller gesellschaftlichen Anstrengungen der letzten Jahrhunderte (einschließlich der Philosophie) nicht Freiheit, Gleichheit, Gerechtigkeit und sozialen Fortschritt zum Ziel hat, sondern ganz ordinären Eigennutz. Irrsinnigerweise führt das auch noch zu einer Art Rückentwicklung des Menschen: Auf geistig-moralischer Ebene genauso wie auf der Ökonomischen. Und das ist der Witz an der Sache: Die moderne Wirtschaftsideologie ist eine der widersinnigsten aller Zeiten, da sie Wohlfahrtsverluste produziert und dadurch das Mittel mit dem Zweck verwechselt.
(Jetzt hab ich doch ein vielfaches mehr geschrieben als ich eiegntlich wollte. Naja, wenn man einmal angefangen hat…)
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