Notizen aus der Unterwelt

Der kritische Blog von Klaus Baum

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Die widerliche Westerwelle-Polarisierung: Leistungsträger versus anstrengungslose Wohlstandsgeniesser.

Februar 27th, 2010 · 2 Kommentare · Beitrag drucken Beitrag drucken

Dass Westerwelle ein übler Demagoge ist, wenn er die Schuld an der Arbeitslosigkeit auf die Arbeitslosen selbst verlagert und ihnen Faulheit unterstellt, ergibt sich allein schon aus den historischen Fakten. Man kommt sich absolut blöd vor, auf diese Fakten immer wieder mal verweisen zu müssen, da sie an sich nahezu jedermann bekannt sein dürften, es sei denn, den jungen Menschen wird in den Schulen nichts über gesellschaftliche Veränderungen im Laufe der letzten 50 Jahre vermittelt.

Wenn man nur ein paar historische Kenntnisse besitzt, man muss als älterer Mensch noch nicht einmal ein Buch  zum Thema gelesen haben, dann weiß man, dass eine der Ursachen von steigender Arbeitslosigkeit in der Rationalisierung und Automatisierung von Produktionsvorgängen liegt.

Ein anderer Punkt ist die Verlagerung von Arbeitsplätzen ins Ausland. Ich erinnere mich an einen Fotohändler, der in den sechziger Jahren schon mit Wehmut über eine leere Fertigungshalle von Schneider-Kreuznach berichtete. Die Maschinensockel waren noch da, auch die Schraubgewinde ragten noch aus diesen Sockeln heraus, an den einst die Maschinen befestigt waren. Leitz ließ in Portugal fertigen und in Canada und war trotzdem noch extrem teuer. Die billigere Konkurrenz aus Japan, die qualitativ sogar besser war, setzte den deutschen Herstellern zu.

Auch ohne das Studium eines Soziologiebuches kann man wahrnehmen, dass vor allem kleinere Bahnhöfe in der Provinz menschenleer sind. Was man dort noch findet, ist vielleicht ein Fahrkartenautomat und eine Lucky-Strike-Reklame, sonst nichts. Postämter – z. B. in Schleswig-Holstein – verschwanden schon in der 2. Hälfte der 90er Jahre, zurück blieben Funktionsgebäude, die wie bestellt und nicht abgeholt öde in der Gegend herumstanden.

Ich selbst kannte mindestens drei Fotohändler persönlich, die im Laufe der Zeit Insolvenz haben anmelden müssen.

Das sind nur wenige Aspekte des Verschwindens von Arbeitsplätzen. Wenn die Fernsehanstalten oder die Medien insgesamt Interesse an Aufklärung hätten, würden sie vergleichende Bilder zeigen (wofür haben wir denn Archive), wie Produktionsprozesse früher organisiert waren und wie sie heute organisiert sind. Mit Sicherheit gibt es noch Filmaufnahmen von menschenvollen Fabrikhallen, die man mit den nahezu menschenleeren konfrontieren könnte. Statt dessen plappern die Medien das bösartige, geschichtsverleugnende Geschwätz von Westerwelle nach und untermalt es zusätzlich noch mit einem Vorzeige-Asozialen. Man greift ein negatives Beispiel heraus, um zu suggerieren, alle, die gezwungen sind, von Hartz IV zu leben, seien so.

Diese Technik des Pars-Pro-Toto ist übelste Propaganda, Hetze, braune S0ße, von der das “Volk” sich übergießen läßt. Wer dem Westerwelle zustimmt, dessen Bewußtsein ist geschichtslos, Weihnachten vergißt er Ostern und Ostern Weihnachten. Alzheimer, so scheint mir, ist zumindest politisch eine Volkskrankheit.

Zu fragen bleibt, warum es immer wieder in rezidivierender Form geschieht: dieses Herumtrampeln auf den Arbeitslosen unter völliger Ausblendung der historischen Entwicklung von Produktionsweisen und -bedingungen.

Tags: Alltägliches

2 Antworten so far ↓

  • 1 vunkenvlug // Feb 27, 2010 at 11:13 pm

    ungefühlte privilegien sind nicht viel wert.
    erst der stiefel in der fresse des anderen gibt den kick.
    die macht verzehrt sich selbst: ist niemand mehr, den sie übermögen könnte, fällt sie zunichte.

    sollen sie doch spüren, was sie lieben: die ruten!

  • 2 bojenberg // Mrz 1, 2010 at 12:35 am

    Ich frage mich, mit welchen Massnahmen die Profiteure des Auseinanderklaffens der Einkommenschere den sozialen Frieden erhalten wollen? Wenn die Hungeraufstaende beginnen, weil der Lohnabstand zu Harz4 nach unten niveliert wurde, wirds wohl das Militaer brauchen. Dann ists wieder so weit!

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