1. Die neue TITANIC ist aber sofort am Kiosk, an der Tankstelle, im Supermarkt und in Bahnhofsbuchhandlungen erhältlich. Hier ein Vorgeschmack darauf:
2. >>Wenn es dem Guy d’Eau vermutlich auch glatt am Scheckbuch vorbeigehen dürfte (nutzt heute überhaupt noch jemand Schecks?), so wollen wir doch auf eine Petition hinweisen, die Westerwelle zum Rücktritt aufforden soll. Immerhin sind schon über zweitausend Unterschriften zusammengekommen und es werden sicher mehr.<< (Frank Benedikt auf Auto-Anthropophag)
3. Der deutsche Idealismus war bereits genötigt, danach zu fragen, was wohl die Ursachen und Umstände dafür sein könnten, daß einer sich nicht so entwickelte, wie es ihrer Vorstellung von der Vervollkommnung des Menschen entsprach. Schiller hat dies in seiner Erzählung >Verbrecher aus verlorener Ehre< getan, das heißt, er hat die gesellschaftlichen Bedingungen verdeutlicht, die einen Menschen ins Abseits treiben. Nahezu parallel zur Schillerschen Genese einer unfreiwilligen kriminellen Laufbahn schreibt Hegel in seinem Aufsatz von 1807 >Wer denkt abstrakt<: >>Es wird also ein Mörder zur Richtstätte geführt. Dem gemeinen Volke ist er nichts weiter als ein Mörder. [...] Ein Menschenkenner [hingegen] sucht den Gang auf, den die Bildung des Verbrechers genommen, findet in seiner Geschichte schlechte Erziehung, schlechte Familienverhältnisse des Vaters und der Mutter, irgendeine ungeheuere Härte bei einem leichteren Vergehen dieses Menschen, die ihn gegen die bürgerliche Ordnung erbitterte, eine erste Rückwirkung dagegen, die ihn daraus vertrieb[,] und es ihm jetzt nur durch Verbrechen sich noch zu erhalten möglich machte.<<
Hegels Fazit, nachdem er festgestellt hat, daß es ihm nicht darum geht, einen Mord zu rechtfertigen: >>Dies heißt abstrakt gedacht, in dem Mörder nichts als dies Abstrakte, daß er ein Mörder ist, zu sehen und durch diese einfache Qualität alles übrige menschliche Wesen an ihm [zu] vertilgen.<<
Alles übrige menschliche Wesen an einem Arbeitslosen zu vertilgen, ist genau das, was Westerwelle macht. Weder verdeutlicht Westerwelle die Ursachen von Arbeitslosigkeit, noch sieht er im Arbeitslosen einen komplexen, konkreten Menschen. Westerwelle vertritt jene Wirtschaftsführer, die Leute entlassen, wann und wo sie wollen. Darüber verliert er kein Wort. Auch nicht darüber, wie oft und wie verzweifelt sich jemand um eine angemessene Stelle bewirbt. Die Formulierung “jede Arbeit ist zumutbar” arbeitet bereits mit einer gewalttätigen Reduktion, da es auf jeder Stufe von Arbeit Arbeitslose gibt.
Wer so abstrakt und unter Absehung der wahren Ursachen von Arbeitslosigkeit über Hartz-IV-Empfänger redet wie Westerwelle, wer die mannigfaltigen ehrenamtlichen Betätigungen von Arbeitslosen einfach unter den Tisch fallen läßt, der betreibt übelste Demagogie, der ist ein Volksverhetzer.
4. Westerwelle trägt erheblich dazu bei, jegliches Gefühl für Gemeinschaftlichkeit und Solidarität zu zerstören. Gestern las ich hier irgendwo im Netz einen Artikel aus einer ostdeutschen Zeitung. Ein Arbeitsloser beklagte sich, dass er 25 Jahre gearbeitet habe und nun mit 50 genau so viel Hartz IV bekomme, wie einer, der noch nie gearbeitet hat.
Diese Art der Denke läuft konträr zu dem, was christlich wäre. In den 70er Jahren hat der Neutestamentler Ulrich Wilkens eine Vorlesung gehalten über das Reich Gottes in der Verkündigung Jesu. Wilkens analysierte Gleichnisse, und er sprach unter anderem über das Gleichnis von den Arbeitern im Weinberg. Diejenigen, die erst ab der Mittagszeit zur Weinlese engagiert werden, erhalten die gleiche Tagesentlohnung wie diejenigen, die bereits am Morgen angefangen hatten.
Nun eröffnet dieses Gleichnis viele Aspekte, von denen ich nur zwei herausgreifen möchte: Das Neue Testament ist bekanntlich auch gegen die mythischen Denkmuster gerichtet, in denen das Motiv des Gleich um Gleich dominiert, das heißt, es wird aufgerechnet, Auge um Auge, >>Rache um Rache, Mord um Mord<< (Peter Stein formulierte das so anläßlich seiner Inszenierung der Orestie). Die Antike machte bereits die Erfahrung, dass ein Leben nach dem Prinzip des Gleich um Gleich in eine Endlosschleife der Vergeltung führt. Das Prinzip der ewig sich fortsetzenden Vergeltung macht das eigene Leben unsicher, da jeden Augenblick der Rächer vor der Tür stehen kann, um einen niederzumetzeln.
In den Gleichnissen Jesu geht es, allgemein gesprochen, um die Transzendierung des Gleich um Gleich, vor allem um die Transzendierung des Anspruchsdenkens. Und genau dieses Denken wird von Westerwelle massiv befördert. Auf dem Hintergrund der jesuanischen Lehre ist Westerwelle der Anti-Christ.
Anspruchsdenken ist allerdings für Westerwelle nur da berechtigt, wo es um seine Klientel geht. Wenn ein Kandidat der FDP auf seiner Homepage schreibt, keine Beschränkung der Managergehälter, und wenn die FDP massiv die Hartz-IV-Sätze beschränken will, katapultiert sich diese Partei aus jedem Rechtsgefüge heraus, da sie einer Gruppe von Menschen maßlose Ansprüche zugesteht und der anderen Gruppe sogar das existenznotwendige massiv beschränken will.
Das Programm der FDP lautet: Unserer Klientel alles, dem Rest der Menschheit nichts.
Zurück zu den Gleichnissen, genauer zu dem vom verlorenen Sohn. Dieser war nach jüdischem Verständnis gesellschaftlich völlig heruntergekommen, als Schweinehirt war er unrein. Er kehrt aus der Fremde zurück, der Vater freut sich darüber, und bereitet dem Heimkehrenden ein Fest. Der Bruder, der immer daheim geblieben war und zu Hause beim Vater ordentlich gearbeitet hatte, beschwert sich, dass ihm der Vater kein Fest bereitet. Der Vater weist ihn zurück. Westerwelle hingegen hätte ihn aufgehetzt. Du warst zu Hause stets ein Leistungsträger, du hättest viele Feste verdient, wähle mich als deinen Vertreter, und ich werde dafür sorgen, dass dein in der Fremde verlotterter Bruder nichts erhält.

1 Antwort so far ↓
1 phlebas // Mrz 1, 2010 at 4:22 pm
Danke! Ernstlich, aufrichtig und tiefempfunden: Danke!
(Ich schreibe dies hier nach der üblichen morgendlichen Durchsicht der online-Stellenangebote.)
Als protestantischer Heide/heidnischer Protestant habe ich so meine Zweifel und Bedenken im Umgang mit dem christlichen Glauben, schwerpunktmäßig natürlich mit der organisierten Form, aber auch mit der unorganisierten. Was mich in den letzten Jahren der Angelegenheit wieder näher gebracht hat, war Terry Eagletons Auseinandersetzung mit Richard Dawkins:
“The Christian faith holds that those who are able to look on the crucifixion and live, to accept that the traumatic truth of human history is a tortured body, might just have a chance of new life – but only by virtue of an unimaginable transformation in our currently dire condition. This is known as the resurrection. Those who don’t see this dreadful image of a mutilated innocent as the truth of history are likely to be devotees of that bright-eyed superstition known as infinite human progress, for which Dawkins is a full-blooded apologist. Or they might be well-intentioned reformers or social democrats, which from a Christian standpoint simply isn’t radical enough.The central doctrine of Christianity, then, is not that God is a bastard. It is, in the words of the late Dominican theologian Herbert McCabe, that if you don’t love you’re dead, and if you do, they’ll kill you. Here, then, is your pie in the sky and opium of the people. It was, of course, Marx who coined that last phrase; but Marx, who in the same passage describes religion as the ‘heart of a heartless world, the soul of soulless conditions’, was rather more judicious and dialectical in his judgment on it than the lunging, flailing, mispunching Dawkins.”
(http://www.lrb.co.uk/v28/n20/terry-eagleton/lunging-flailing-mispunching)
Vor einigen Jahren war ich halbwegs Teilnehmer bei einem Kneipengespräch. Hauptsächlich klagte ein Ausbildungsleiter (soweit ich erinnere bei einem öffentlichen Träger oder bei einer Berufsschule) über die mangelnde Motivation bei den von ihm betreuten Jugendlichen: unpünktlich, desinteressiert, undankbar etc. Er äußerte Verständnislosigkeit und Ratlosigkeit, war auch irgendwie ehrlich „betroffen“, sagte dann aber (sinngemäß): „Irgendwann ist Schluss. Wir können ja nicht jeden mitschleppen“ Auf meine Entgegnung (spontan, kommt sonst eigentlich selten vor – nein, es lag nicht nur am Bier;-) – „Doch, wir müssen jeden mitnehmen. Sonst ist alles vergebens“ (sinngemäß) – reagierte er mit abgründiger Verständnislosigkeit und mit einem etwas mitleidigen Blick.
Was mich daran erschreckt und fasziniert hat, war das völlige Fehlen einer Idee von bedingungsloser Gemeinschaftlichkeit und Solidarität – und entscheidend ist: bedingungslos.
Zugegebenermaßen hätte ich diesem Ansatz nicht unbedingt das Adjektiv „christlich“ zugeordnet – ich war immer der Ansicht, eine minimale bis mittlere Anstrengung des Vorstellungsvermögens würde sozusagen von selbst zu dieser Einsicht führen: Die Möglichkeit – aus welchem Gründen auch immer – , Hilfe/Unterstützung/Zuspruch in Anspruch nehmen zu müssen, ohne etwas „zurückleisten“ zu können, scheint mir eine Grundkonstante der menschlichen Existenz zu sein (und wahrscheinlich nicht nur der menschlichen). Die in der aktuellen Diskussion von allen Seiten geforderte „Leistungsgerechtigkeit“ („Ein Arbeitsloser beklagte sich, dass er 25 Jahre gearbeitet habe und nun mit 50 genau so viel Hartz IV bekomme, wie einer, der noch nie gearbeitet hat.“) unterschlägt diese Einsicht bzw. deren Konsequenzen für die Einrichtung einer möglichen menschlichen Gesellschaft. Besonders auf Seiten der sogenannten „Arbeitnehmer“ zeigt sich da auch ein Ausmaß an Naivetät, das gern dem christlichen Glauben zugeschrieben wird. Vollführt man aber die letzte, meines Erachtens genauso notwendige Drehung des Gedankens, nämlich die Hinwendung zu einer Idee der bedingungslosen Gemeinschaftlichkeit und Solidarität auch mit Menschen, die zwar etwas „zurückleisten“ könnten, aber nicht wollen – ist man endgültig verlassen von allen, die nur denken, was diese Kreatur da ausspricht. Es geht nicht darum, eine solche Haltung (beispielsweise arbeiten können, aber nicht wollen) irgendjemandem zu unterstellen – es geht einzig und allein darum, dass es darauf nicht ankommt: Selbst der abgebrühteste Erschwindler von Leistungen der Gemeinschaft hat ein – nein: muss ein Recht darauf haben, menschenwürdig zu leben, bedingungslos und ohne Gegenleistung. (In einer besseren Welt müßte auch so etwas wie Westerwelle „mitgeschleppt“ werden). Die gottverdammte Anmaßung, die Spreu vom Weizen trennen zu können und wollen (wie Porno-Uschi sagt) trifft sich mit der Unverschämtheit der Feststellung, es sei nicht genug Geld da (beispielsweise Arnulf Baring, gestern) kurz vor dem Abgrund, der sich da vor uns allen auftut.
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