Das Hauptmerkmal der Arbeiten von Heß ist ihre Ausgewogenheit, die Einfachheit der Elemente, die Balance der Formen, ihre latente Harmonie, eine Art schnörkelloser Schönheit, bei der das Auge sich ausruhen kann, ohne aber träge zu werden, denn unter der Oberfläche liegt zugleich die Kritik am Glauben der Menschen, sie könnten mit technischer Perfektion die Utopie einer Herrschaft über die Natur realisieren. Vor allem die Arbeit in Schlüchtern greift das Motiv mathematisch errechneter, gezirkelter Ordnung auf und konfrontiert diese mit der organischen Form, in der die Elemente geschieden und doch notwendig aufeinander bezogen sind, … Die geometrische Ordnung, die ja zweifellos in der Natur vorhanden ist, aber eben nicht als starr geradlinige, ideelle, sondern als organisch bewegte, diese Ordnung als verabsolutierte verdrängt eben das Organische als den Sitz sowohl der dunklen, destruktiven Triebkräfte als auch der lebensfördernden Energien. Matthias Heß geht es darum zu zeigen, daß das Ideelle und das Organische, daß die Form als Anstrengung des Subjekts, sich zu bilden, sich Kontinuität und Verläßlichkeit zu verleihen, und das Lebendige als das Ungeordnete, Spontane, Unregelmentierte, Unvorhersehbare; daß die Form als Herrschaft und das Organische als das der Herrschaft der Menschen immer wieder sich Entziehende als notwendiger Gegensatz reflektiert werden müssen. Seine Form der Reflexion ist das Kunstwerk. Ein Künstler, für den das Ideal frei ist von Widersprüchen der Existenz, der bloß die Geometrie als Utopie noch gelten läßt, begeht wie unsere technologisch orientierte Gesellschaft einen Frevel, nämlich den an Gott, der, als Schöpfer von Himmel und Erde, eben auch den Teufel schuf.
Kunst beunruhigt, in: Matthias Heß – Vertikale Fluchten, 1993, S. 5-6. ![]()

0 Antworten so far ↓
Bisher gibt es keine Kommentare. Bitte anmelden/registrieren und danach Kommentar eingeben.
You must log in to post a comment.